Freiheit im Spalier

Gabriele Reiterer
Freiheit im Spalier
In: Die Presse / Spectrum
5. Mai 2014

Wir haben unser Ziel erreicht, das vollkommene Gleichgewicht zwischen dem Klassischen und dem Romantischen, zwischen der Erwartung und der Überraschung.“ Vita Sackville-West, ihr Mann Harold Nicolson und die Gärten von Sissinghurst Castle.

„Ich liebe Großzügigkeit, wo immer ich ihr begegne, ob in Gärten oder sonst wo“, notierte Vita Sackville-West 1936 in ihr Gartenbuch.
Kaum irgendwo besitzen Naturästhetik und gärtnerisches Bewusstsein derart hohe gesellschaftliche Bedeutung wie auf den Britischen Inseln. Im 19. Jahrhundert kulminierte hier die Gartenkultur als Folge von Sammelreisen und Pflanzenhandel im britischen Kolonialreich mit seinen ausgedehnten Handelsbeziehungen. Die Upper Middle Class, die neue, durch die Industrialisierung reich gewordene soziale Schicht, übernahm vom Adel die englische Tradition des Lebens auf dem Land. Sie schuf eine Kulturströmung, die auf traditionelle englische Bau- und Gartenstile früherer Jahrhunderte zurückgriff. Country Life wurde zu einer Lebensform. Das frühe 20. Jahrhundert brachte hier den neuen Berufsstand des Landschaftsarchitekten hervor, damit wurde der theoretische Streit um Dominanz von Gärtner oder Architekt bei der Gartengestaltung beigelegt. Den eigenwilligsten und wohl schönsten Garten Englands aus jener Zeit schufen zwei Gärtner aus Leidenschaft. Ihr Garten, Sissinghurst erzählt zugleich die Geschichte einer besonderen Verbindung.

Vita Sackville-West wurde 1892 als einziges Kind von Lionel Sackville-West und Lady Victoria geboren. Die Sackville-West entstammten dem englischen Hochadel, den Herzögen von Dorset. Vita wuchs auf dem größten Landsitz Englands, in Schloss Knole in Kent auf. Bereits sehr früh begann sie sich für Literatur zu interessieren und auch selbst zu schreiben. „Schwülstiges Zeug“ und „schwer wie Blei“ meinte sie später. Auch manche Zeitgenossen attestierten ihr eine Blechfeder. Ihrer erotischen Neigungen war sich Vita sehr bald bewusst. Dass ihre sexuellen Wünsche den Frauen galten, wusste sie bereits zur Zeit ihrer Verlobung. „Vom Morast, in dem ich lebe“, schrieb sie und liebte „doppelgleisig“, ihre Jugendfreundin Rosamund und ihren attraktiven, sehr viel intelligenteren Verlobten Harold.
Das erste Jahr ihrer Ehe verbrachten Vita und Harold in Konstantinopel, wo Harold im diplomatischen Dienst tätig war. Nach der Rückkehr nach England zog das junge Paar nach Long Barn, einem Anwesen in der Grafschaft Kent. Hier begann sich Vita ernsthaft für Gartenanlagen und Gartenarbeit zu interessieren. Gemeinsam mit dem befreundeten Architekten Edwin Lutyens entstand ihr erster Garten.

Der englische Garten des beginnenden 20. Jahrhunderts ist untrennbar mit den Namen Lutyens und Jekyll verknüpft. Das kongeniale Paar entwarf zusammen mehr als hundert Gartenanlagen. Sir Edwin Lutyens entwarf das Gebäude und die räumliche Ordnung des Gartens, Gertrude Jekyll plante die Bepflanzung und war für das Gesamtbild verantwortlich. Beide standen der englischen Arts & Crafts Bewegung nahe. Die Grundprinzipien der gestalterischen Richtung waren entsprechend: Verwendung von lokalen Baumaterialien und traditionelle Verarbeitungstechniken. Im Garten wurde Wert auf Übereinstimmung von Farben, Formen und Mustern bei den festen Teilen sowie Übereinstimmung mit Landschaft und Gebäuden gelegt. „A Lutyens House with a Jekyll Garden“ war um 1900 der Inbegriff eines Lebensstils.

In Long Barn waren bereits Grundzüge der Konzeption von Sissinghurst erkennbar: getrennte Gartenräume und das Wechselspiel von architektonischer Ordnung und Bepflanzungsfülle. Häufiger Gast auf Long Barn war die junge Violet Keppel. „Violet hatte das Geheimnis meines Doppelwesens entdeckt“, schreibt Vita in ihren Aufzeichnungen. Zusammen reisten sie nach Paris. Vita verkleidete sich als junger Mann, färbte sich Gesicht und Hände braun, und die beiden zogen durch die nächtliche Stadt. Vita nannte sich Julian. Zurück in England schmiedeten sie schließlich den Plan zu einer abenteuerlichen Flucht. Gemeinsam wollten sie ihrem bisherigen Leben den Rücken kehren. Der Skandal war handfest. Beide Frauen waren Mitglieder der englischen Hocharistokratie, Vita zudem verheiratet und Mutter zweier Söhne. In Amiens gaben die beiden Frauen schließlich auf.

Vita kehrte nach England, in dieses „scheußliche graue Land“, zurück. Harold hatte gewonnen. Nun nahm aber auch ihre Beziehung eine Wende. Harold hatte seine homoerotischen Abenteuer immer mit äußerster Diskretion behandelt. Ab jetzt räumten sich beide vollständige Freiheit ein. Harold pflegte Vitas Affären „deine Durcheinander“, sie die seinen „deinen Spaß“ zu nennen. Häufig war man jetzt am Wochenende zu viert in Long Barns. Für ihre Ehe entwickelten sie eine „Formel“, eine „feste, elastische Formel“ meinte Harold, „die es uns beiden so leicht macht, die Freuden der Liebe und des Lebens zu verdoppeln und ihre Kümmernisse zu halbieren“. Sie waren sich einig, dass die Ehe für Menschen von starkem Charakter und unabhängigem Geist nur dann erträglich war, wenn man sie als eine lebenslängliche Verbindung zwischen intimen Freunden betrachtet.

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https://diepresse.com/home/spectrum/zeichenderzeit/3800424/Freiheit-mit-Spalier

Sissinghurst-2803

Kategorien:Uncategorized

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