Ich gestalte, also bin ich

Gabriele Reiterer
Ich gestalte, also bin ich
In: Die Presse / Spectrum
26. Februar 2016

Blühende Geometrie“ nannte Ralph Waldo Emerson die Kunst des Bauens. Wohl unbestritten ist Architektur neben ihrer Anmut von hoher ethischer und gesellschaftlicher Relevanz: Gestaltete Räume prägen unser Handeln und Sein. Aber wird diese Bedeutung von Architektur und Gestaltung gewürdigt und vor allem genutzt? Gibt es eine Unternehmenskultur, die auf diesen Mehrwert baut? Welchen Nutzen können Architektur und Gestaltung einem Unternehmen bringen?

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte der wichtigste Weg zum neuen Bauen über die Architekturen der Industrie. Walter Gropius‘ Bau des Fagus-Werks in Alfeld an der Leine im Jahre 1911 schrieb Architekturgeschichte. Zwei Jahre davor ließ die deutsche Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft, kurz AEG, eine Turbinenhalle in Berlin-Moabit errichten, die zur Inkunabel moderner Architektur avancierte.

Ein weiteres Beispiel der Verbindung von Unternehmenskultur, Architektur und Gestaltung ist jenes der norditalienischen Firma Olivetti. Die berühmten Schreibmaschinen stammten aus einem kulturell hoch ambitionierten Unternehmen. Die erste Fabrik war ein großer Backsteinbau. Der Firmengründer, Camillo Olivetti, begann 1908 mit der Herstellung der ersten Schreibmaschinen in Italien. Sein Sohn Adriano Olivetti lernte nach dem Ingenieurstudium in Turin die neuesten Produktionsformen und das Management in den Vereinigten Staaten kennen. Er modernisierte das Unternehmen im Jahr seines Firmeneintritts, 1926, von Grund auf. Für ein neues Fabrikgebäude beauftragte Olivetti zwei junge Architekten des Razionalismo, Luigi Figini und Gino Pollini. Die Gestaltung spiegelte den neuen Geist des Unternehmens. Transparenz durch Glas entsprach der offenen und freien Atmosphäre. Nach den verkrusteten Feudalstrukturen des alten Italiens bildete die Haltung der Unternehmensführung eine atemberaubende Neuerung. Noch heute wirkt das Gebäude harmonisch, licht und erhaben. In den Dreißigerjahren wurden in der Umgebung des Geländes Sozial- und Wohnbauten errichtet, und wiederum entwarfen Figini und Pollini ein modernes Wohnviertel.

Adriano Olivetti war humanistisch gebildet und sozialreformatorisch ambitioniert. Den Menschen wollte er erhebend behandeln. Sein Ethos bewies er auch durch seine politische, antifaschistische Haltung. Nach einer kurzzeitigen Verhaftung floh er 1944 in die Schweiz. Im selben Jahr veröffentlichte er eine Schrift mit sozialutopischen Gedanken; 1946 gründete er die Zeitschrift „Comunità“ und den gleichnamigen Verlag, in dem er eine hochstehende geistige und künstlerische Autorenschaft versammelte. Die Fabrik in Ivrea, einer kleinen Stadt zwischen Turin und Aosta, entwickelte sich zum internationalen Unternehmen. Mario Bellini, Designer und Architekt, erzählte später: „Als ich zu Olivetti ging und dort meine erste Maschine entwarf, erhielt ich dafür 1964 gleich den zweiten Compasso d’Oro. Und das, obwohl ich keinen blassen Schimmer hatte von Maschinendesign.“

Die Geschichte der Allianz von Architektur, Gestaltung und Unternehmertum ließe sich weiter fortsetzen. Die beiden Welten scheinen einander dialektisch zu beflügeln. So entsteht ein Schauplatz wechselseitiger kreativer Explosionen, der Innovation möglich macht.

Der österreichische Nationalökonom und Vater der Innovationsforschung Joseph Alois Schumpeter wies in seiner 1912 veröffentlichten Wirtschaftstheorie dem künstlerischen Prinzip einen hohen Rang zu. Innovationen als „Durchsetzung neuer Kombinationen“ sind nach Schumpeter „die überragenden Tatsachen in der Wirtschaftsgeschichte der kapitalistischen Gesellschaft“. Wirtschaftliche Entwicklung begriff Schumpeter als durch Innovationen ausgelöste Übergangsprozesse zwischen jeweils stationären Kreisläufen. Dabei baue jede ökonomische Entwicklung auf einem Prozess der schöpferischen oder kreativen Zerstörung auf. Durch die Zerstörung von alten Strukturen werden die Produktionsfaktoren immer wieder neu geordnet. Zerstörung ist also notwendig, damit Neuordnung stattfinden kann. Auslöser für die schöpferische Zerstörung sind Innovationen, die von den Unternehmern vorangetrieben werden, mit dem Ziel, sich auf dem Markt durchsetzen zu können.

Damit schließt sich der Kreislauf von der Wesensart der Wirtschaft hin zum verwandten Wesen der Kunst. Bei beiden handelt es sich um schöpferische und kreative Welten. Schumpeters Theorie und dessen Kreativitätsprinzip wird im Übrigen gegenwärtig wieder höchstes Interesse entgegengebracht. Die Aktualität seiner Theorie liegt auch in der Anerkennung der Rolle des Individuums begründet. Schumpeter sah den Unternehmer als ein kreativ-schöpferisches Individuum im wirtschaftlichen Prozess. Kunst und unternehmerische Innovation sind also in ihrer Wesensart weitaus verwandter als weithin geglaubt. Ja mehr noch, es gibt eine gleichsam innere Verwandtschaft zwischen Entrepreneurship und künstlerischen, kreativen Welten.

Große Innovationsschübe jeglicher Art entstehen mit Vorliebe auf dem Nährboden kreativen Denkens. Die Grundlage von Innovation ist stets der Effekt einer Schnittmenge verschiedenster Hintergründe und Bereiche. Ideen aus einem Gebiet finden ihren fruchtbaren Niederschlag in einem scheinbar vollkommen artfremden Feld und bewirken auf diesem eine zündende Neuerung. In diesem Zusammenhang prägte sich auch der Begriff der Cultural Entrepreneurship. Deren Merkmale sind „die Nähe zum kreativen Schaffensprozess in der Kunst, ein künstlerisch geprägtes innovatives Denken und Handeln, eine kulturprägende Haltung und ein ebenso kulturprägendes unternehmerisches Gebaren“.

Mehrwert, Wertschöpfung und Nachhaltigkeit sind Schlagworte unserer Zeit. Der allgemeine Wunsch einer Umkehr vom rein materialistischen Denken hin zu einem bewussteren und den Menschen wertschätzenden Umgang wird viel beschworen. Unsere Gesellschaft braucht dazu definitiv ein nachhaltiges unternehmerisches Gebaren – und dazu braucht sie auch die Welt der Kunst. Somit ist die unternehmerische Affinität zu Kunst und Architektur, bewusst oder unbewusst, weit mehr als eine kultursinnige Geste. Und wer auf Architektur und Gestaltung baut, erzeugt, erntet und verbreitet definitiv mehr Wert.

 

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Foto©Hertha Hurnaus

 

 

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