Das Gedächtnis der Räume

Gabriele Reiterer
Das Gedächtnis der Räume
In: Wiener Zeitung / Extra
26. August 2017

Die Bewahrung eines Bauwerks gilt meist als positives Zeichen der Dauer und der Kontinuität. Es wäre jedoch auch ein beweglicherer Umgang mit dem Erbe denkbar.

Das Gedächtnis wäre uns zu nichts nütze, wenn es unnachsichtig treu wäre, stellte schon Paul Valéry fest. Wenn wir immer wieder erneut Diskussionswogen zu kulturellem Erbe, Stadt und Architektur vernehmen, lohnt sich ein anders gerichteter Blick auf gebaute Räume und Erinnerung: Unsere etablierte Vorstellung von gebautem Raum und kulturellem Gedächtnis spiegelt eine Anhäufung etablierter Konstruktionen. Im Wissen darum lassen sich manche übertriebene Projektionen verstehen – und damit auch hoffentlich verabschieden: zu Gunsten einer zeitgemäßen und transformatorischen Kraft der Architektur und lebendiger, wandelbarer Urbanität.

Nichts schließe so sehr „den tiefen Grund“ des Lebens auf, wie die wiedereroberten Gebiete der Erinnerung, schrieb Marcel Proust. Sein Werk „À la recherche du temps perdu“ ist eine atemberaubende literarische Hommage an das kulturelle Gedächtnis und an die Kraft der Erinnerung. In Prousts Romanwerk ist es unter anderem der Turm von Combray, über dessen Betrachtung sich die Weite der Erinnerungslandschaft öffnet.

Künstliches Gedächtnis
Die Bedeutung von Architektur als Gedächtnis- und Erinnerungsträger wird viel beschworen. Immer wieder taucht diese Verbindung von gebautem Raum und Gedächtnis in Literatur, Kunst und vor allem als immanentes Thema der Architektur selbst auf. Die ungewöhnlichste Verbindung von Erinnerungssystemen und gebauten Räumen bildete einst die Mnemotechnik der Antike. Wichtige Informationen zur Mnemotechnik stammen etwa von Cicero oder Quintilian. Die in sich geschlossene, perfekt durchgebildete Konstruktion der Einprägung und Wiedererinnerung arbeitete mit einem künstlichen Gedächtnis. Als systematisch aufgestellte Gedächtnishilfen konnten Räume eines großen Hauses und ebenso „öffentliche Bauten“, ein langer „Weg“ oder der „Lageplan von ganzen Städten“ gewählt werden. „Denn wenn wir nach einer gewissen Zeit an irgendwelche Örtlichkeiten zurückkehren, erkennen wir nicht nur diese selbst wieder, sondern erinnern uns auch daran, was wir getan haben“, schrieb Marcus Fabius Quintilianus in den „Institutionis oratoriae“, der Ausbildung des Redners. Die hartnäckig weitergereichte Vorstellung, dass gebauter und umbauter Raum ein kulturelles Gedächtnis inkorporiere und somit für das Individuum Erinnerung dauerhaft abrufbar mache, mag nicht zuletzt auch mit diesen tradierten Systemen in Verbindung stehen; die Verräumlichung des Gedächtnisses bildet eine subtile und projektive Kraft im Umgang mit Vergangenheit.

Die Aufladung von Bauten mit Erinnerung und kulturellem Gedächtnis zählt nicht zuletzt aus diesem Grund auch zu einem der meist strapazierten und überfrachteten Klischees der Architektur. Das Überdauern eines Bauwerks wird zumeist mit dem Überdauern eines kulturellen Erbes und mit Kontinuität gleichgesetzt. Diese Vorstellung beinhaltet eine spezielle Logik der Zeitkon-struktion ebenso wie einen fragwürdigen Traditionsbegriff und ist Ausdruck eines sehr starren historisch-linearen Denkens.

Kulturelle Konstruktionen und Strategien von „Dauer“ waren meist diktatorische, imperiale Modelle, in denen der Erhaltung der „Substanz“ als Erinnerungsträger nahezu kosmische Bedeutung zukam. Einen überaus originellen Vergleich zur Frage der „Erhaltung“ stellte Freud in seinem Essay „Das Unbehagen in der Kultur“ von 1930 an. Er verglich die menschliche Psyche mit der Architektur einer Stadt, in beiden bliebe alles erhalten. In der „phantastischen Annahme, Rom sei nicht eine menschliche Wohnstätte, sondern ein psychisches Wesen von ähnlich langer und reichhaltiger Vergangenheit, in dem also nichts, was einmal zustande gekommen war, untergegangen ist, in dem neben der letzten Entwicklungsphase auch alle früheren noch fortbestehen“, bemerkte Freud aber zugleich die Absurdität dieser räumlich-architektonischen Phantasie, denn sie führe zu „Unvorstellbarem“.

Im beiläufigen Nachsatz schrieb Freud – und lieferte damit nolens volens eine der interessantesten Aussagen seines Essays -, dass die Darstellung des „historischen Nacheinander“ durch ein „Nebeneinander im Raum“ geschehen könne. Denn die Spur der Erinnerung, meinte Freud, erscheine in Fragmenten, architektonischen Ruinen oder in den Schichtungen der Stadt. Über diese „Einsprengungen“ bleibe sie gleichsam erhalten.

Gebaute Geflechte
So können in der Architektur Alt und Neu sich nebeneinander, übereinander und miteinander bewegen. Bedeutungsebenen können enthoben, aber nicht, um zerstört, sondern um umgedeutet zu werden. Architektur hat die Kraft, Geflechte von Zeit und Raum zu differenzieren und zu materialisieren. Baukunst kann gleichsam Strukturen verwandeln, neu deuten und transformieren. Sie kann den eigenständigen Charakter eines Bauwerks oder einer Stadt auf subtile Weise integrieren, um dabei gleichzeitig dessen Eigenständigkeit zu behalten.

Gelungenen architektonischen Umgang mit historischen Bauten oder einer ganzen Stadt kennzeichnet immer ein transitorisches Moment. Stufen und Schichtungen deuten funktionale oder räumliche Sequenzen um, oft minimale Interventionen setzen Metamorphosen in Kraft. Sie (be)treffen stets den inneren Kern eines Bauwerks. Gezielte Gesten lösen ein bestehendes Gefüge in seinem Inneren gleichsam auf, um damit ein neues organisierendes Prinzip wirksam werden zu lassen. Umdeutung lautet ein Grundsatz, in dem Spuren vormaliger Bedeutung in verwandelter, neuer Erscheinung und verändertem Organismus erhalten bleiben. Vor über hundert Jahren beschrieb der amerikanische Dichter, Philosoph und Kritiker Ralph Waldo Emerson in seiner zeitlos gültigen Traditionskritik ein Gesetz, das die Kultur von der Natur übernehmen könne. Transition statt Tradition lautete das Prinzip. Emerson beschwor in seinen „Circles“ von 1841 als Metapher die zyklische Kraft der Natur, das Wandelbare alles Organischen, ein Gesetz, das die Kultur von der Natur übernehmen könne.

Übergang lautet das Grundprinzip der Natur und des Lebens. In der Natur wird das Alte ständig in das Neue umgeschmolzen, ohne bleibende Werte keine verbindlichen Wahrheiten, denn die Natur kennt keine Tradition. Auch in Architektur und Stadt kann Tradition nur (Ver)-Wandlung bedeuten. Es ist die transformatorische Kraft der Erinnerung, die einen starren Traditionsbegriff sprengen kann.

Aber was bedeutet überhaupt Erinnerung? Die aktuelle kognitionswissenschaftliche Gedächtnisforschung berichtet Folgendes über Struktur und Funktion des Gedächtnisses: „Erinnern“ ist eine wahrnehmungsartige, kognitive Handlung. Im Erinnerungsprozess wird vorwiegend ein „Erregungsmuster“ aktiviert, aber kein Zugriff auf ein dateiartiges oder lexikalisches Wissen durchgeführt. Gedächtnisleistungen und Erinnern sind kein Zugriff auf die Vergangenheit, sondern einzig eine Prüfung von Sinnmomenten, die zeitlich und räumlich auseinandergezogen werden.

Erinnerung ist eine hochgradig subjektive, psychische Kompetenz des Individuums, deren Aktivität natürlich in kulturelle Kontexte, Sozietäten und Lebensstile eingebunden ist. So betrachtet haben Überlegungen wie jene der mémoire collective, dass Erinnerung in sozialen Zusammenhängen stattfindet, ihre Berechtigung.

Transformation
Was die kognitive Wissenschaft nüchtern mit Synapsenschaltungen erklärt, ist in seinem ursprünglichen Kern jedoch viel mehr. Die literarische Erinnerungskunst führt es vor. Sie besitzt viel weniger ein rationales, als vielmehr ein freies Gedächtnis. Die literarische mémoire involontaire wie jene Prousts ist eine Form des Gedächtnisses, die sich der Vernunft, der Kontrolle, und der Willensanstrengung entzieht. Es vermeidet ein allzu angestrengtes Regelsystem des Erinnern-Wollens. Das Erinnerungsgebäude entsteht spontan, unwillkürlich viel weniger mnemotechnisch als mnemopoetisch. Erinnern und Gedächtnis wirken über eine subtile, suggestive, frei assoziierende und transformatorische Kraft.

Die Aufladung des architektonischen und urbanen Erbes und der Umgang mit bestehender Substanz kann nicht zuletzt durch die „Erkenntnis“ einer freien Erinnerung eine befreiende Entlastung erfahren. Bewahren und Tradieren erhalten damit eine neue und veränderte Bedeutung. So kann Erinnern in der Architektur zu einer poetischen, der persönlich-subjektiven Gestaltungsfreiheit offenen, transformierenden Kraft werden: Offen für den Wandel und seine Zeit.

https://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wz_reflexionen/vermessungen/912747_Das-Gedaechtnis-der-Raeume.html?em_cnt_page=2

 

 

Kategorien:Uncategorized

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