Mit Baukunst die Regeln brechen

Gabriele Reiterer
Mit Baukunst die Regeln brechen
Neue Zürcher Zeitung
20. Mai 2017

Die Architektur der österreichischen Moderne fasziniert. Sie zeichnet sich aus durch eine hohe künstlerische Produktivität im Spannungsfeld von Aufbruch und Ambivalenz. Ihre Erfindungen zählen zum Hervorragendsten, was jene Epoche hervorgebracht hat. Viele ihrer Protagonisten hatten den Mut, formale Regeln zu brechen und neue Lösungen zu entwerfen. Ähnliches gilt ebenfalls für unsere Zeit, in der Architektur und Kunst auf neustem Wissen aufbauen. Diese kreativen Prozesse beflügeln wiederum die exakten Wissenschaften und die Welt der Wirtschaft.

Der Zauber der modernen Wiener Architektur ist ungebrochen, wie ein Blick auf das 1931 von Josef Frank in Zusammenarbeit mit Oskar Wlach für den jüdischen Fabrikanten Julius Beer an der Wenzgasse 12 in Wien realisierte Haus Beer zeigt. An der flächig gehaltenen Fassade wechseln sich zur Strasse hin die unterschiedlichsten Fensterformen mit einem quadratischen Erker ab, während gartenseitig drei abgetreppte Terrassen das Bild bestimmen. Dennoch ist hier nichts zufällig; und ruhige Selbstverständlichkeit herrscht. Im Innern ist das fast schwebend anmutende Raumgefüge, das sich zu einer mehrgeschossigen offenen Treppenlandschaft weitet, an Virtuosität kaum zu übertreffen. Interessant an dieser Architektur ist die Konsequenz des Entwurfsgedankens. Er wirft Fragen auf: In welchem Umfeld lebte Joseph Frank, in welch geistige und kulturelle Welt war er mit seinen Ideen eingebettet?

Am Wiener Polytechnikum, wo Frank studierte, lehrte Karl König. Seine Schüler – darunter Grössen wie Richard Neutra und Rudolph Schindler – nannten ihn ihren wichtigsten Lehrer. Ein Architekturstudium in Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts bedeutete, in eine Vielfalt an kulturellen und gestalterischen Welten einzutauchen. Nirgendwo war «der Drang zum Kulturellen so leidenschaftlich wie in Wien», schrieb Stefan Zweig. Die Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs flirrten zwischen materiellen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Höhenflügen; und die Literaten – von Robert Musil bis Hugo von Hofmannsthal – betrauerten verlorene Welten.

Die neuen Naturwissenschaften feierten Triumphe. Methode, Messung und Empirie waren ihre Instrumente. Die Ästhetik verliess ihren Platz in der Philosophie und wurde, der Zeit gemäss, empirisch begründet: Es schlug die Geburtsstunde der experimentellen Psychologie. Empfindung und Wahrnehmung lauteten die neuen Zauberworte in Architektur und Kunst. Auf dem Feld der Naturwissenschaft und Erkenntnistheorie mündeten sinnesphysiologische und philosophische Studien in die damals grosse Frage nach einem gültigen Raumbegriff. Die Architektur reagierte seismografisch auf dieses Thema.

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https://www.nzz.ch/feuilleton/wiener-architekturmoderne-mit-baukunst-die-regeln-brechen-ld.1295183

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Fotos: Gabriele Reiterer

 

Kategorien:Uncategorized

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